Ein Blick hinter die ADI-Kulisse

10.03.2021 09:52

Vor ziemlich genau zehn Jahren starteten wir in der Lebenshilfe Ostallgäu einen neuen Assistenzdienst mit dem Namen "ADI". Unter dem Leitspruch "ADI geht mit" wurde er mit dem Ziel gegründet, Menschen mit einer Behinderung im Alltag zur Seite zu stehen und bei alltäglichen Aktivitäten zu begleiten. Der persönliche Wunsch und die individuellen Bedürfnisse unserer Klienten bilden auch heute noch den zentralen Mittelpunkt unserer Arbeit.

Im Jubiläumsjahr haben wir uns einmal beim ADI umgehört und ein paar Stimmen gesammelt.

Allgäuer Lehrstellenbörse 2021

Christine S. aus Kaufbeuren | Der ADI als verlängerter Arm

Wie heißen Sie?
Christine S., ich wohne in Kaufbeuren, bin Rollstuhlfahrerin und  57 Jahre alt.

Wie sind sie auf den Adi gestoßen?
Weil ich auf ein Konzert wollte und mir überlegt habe: "Wie mach ich denn das?" Dann ist mir der Assistenzdienst eingefallen… Nun bin ich seit 2011 bereits dabei.

Warum nehmen Sie den ADI in Anspruch? In welchen Alltagsituationen benötigen Sie eine Assistenz?

  • Um raus zu kommen
  • Teilhaben am ,,normalen‘‘ Leben
  • Als Begleitperson zum Einkaufen, Konzerte, ins Café gehen, Bummeln

Ich nutze den Adi als ,,verlängerten‘‘ Arm :)

Wie ist die Betreuung organisiert worden?

  • Anruf bei der Lebenshilfe
  • Zuteilung durch die/den Hauptamtliche/en Ansprechpartner
  • Vorstellungsgespräch und Kennenlernen mit der Ehrenamtlichen

Mein schönstes Erlebnis mit dem ADI war….
Ein Konzertbesuch bei Hubert von Goisern in der Freilichtbühne Altusried

Benedikt W. aus Kaufbeuren | Mit dem Rad zur Arbeit

Im vergangenen Jahr bekam der Assistenzdienst eine Anfrage die uns zunächst einmal als nicht lösbar erschien. Benedikt W., Bewohner eines unserer Wohnheime, hatte den Wunsch geäußert, künftig mit dem Fahrrad zur Arbeit in die Wertachtal-Werkstätten zu fahren. Uns war bewusst, dass dies die Kolleg*innen des Wohnheims nicht werden stemmen können. Die Wohnheime leisten eine großartige „Rund-um-die-Uhr-Betreuung“, aber eine individuelle Begleitung, besonders am Morgen - wo alle Bewohner frühstücken wollen, teilweise pflegerisch unterstützt werden müssen und auch noch nahezu gleichzeitig zu den Förder- bzw. Werkstätten abgeholt werden – dies erschien uns völlig unrealistisch.

Aber der Wunsch des jungen Mannes kam unserer gelebten Philosophie zu mehr Selbstbestimmung entgegen, also wollten wir unbedingt eine Lösung finden. In gemeinsamen Gesprächen mit dem Wohnheim haben wir dann doch eine Lösung gefunden. Benedikt war bisher in einer von der Lebenshilfe organisierten Fahrradgruppe. Dort wird wöchentlich fleißig trainiert. Aber eine selbständige Fahrt im morgendlichen Berufsverkehr? Geht das überhaupt? Ja, es geht. Eine Begleitung konnte gefunden werden und nach nur wenigen – begleiteten - Übungsfahrten, konnte Benedikt mir großer Freude und absoluter Fahrsicherheit in die Werkstatt radeln und nach Feierabend wieder zurück. Das Wetter im vergangenen Jahr war uns wohlgesonnen, so dass Benedikt an vielen Arbeitstagen zur Arbeit fahren konnte. In 2020 war nun alles anders. Die Werkstätten waren lange Zeit geschlossen und Betreuungen durch den Assistenzdienst waren nicht möglich. Seit Mitte August ist dies nun wieder machbar. Wir haben eine neue Begleitung für Benedikt gefunden. Wir wünschen beiden allzeit eine gute und unfallfreie Fahrt!

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Assistenzdienst der Lebenshilfe Ostallgäu

Melanie S. aus Schongau | Eine willkommene Abwechslung zum Alltag

Wie heißen Sie?

Mein Name ist Melanie S., ich bin 23 Jahre alt und wohne in Schongau. Bei mir treffen verschiedene Behinderungen zusammen. Vereinfacht gesagt, bin ich motorisch sehr stark eingeschränkt und benötige eigentlich bei Allem eine Unterstützung, sei es beim Essen oder auf der Toilette etc.… Jedoch bin ich geistig voll fit.

Wie sind Sie auf den ADI gestoßen? Seit wann nutzen Sie ihn?

Nur durch Zufall sind meine Eltern und ich auf den ADI bzw. auch auf den FED (Familienentlastender Dienst) gestoßen. Bei meiner früheren Krankengymnastikpraxis war immer ein Mädchen mit einer Assistenzkraft und aus Interesse hat meine Mutter mal nachgefragt, woher diese Assistenz kommt. So nahm alles seinen Lauf…

Ca. seit meiner zweiten Klasse kam zu mir der FED und mit der Zeit als ich älter wurde, ist aus FED der ADI geworden.

Warum nehmen Sie den ADI in Anspruch? In welchen Alltagssituationen benötigen Sie eine Assistenz?

Als Rollstuhlfahrerin ist es sehr schwierig mal in der Freizeit etwas ohne seine Eltern zu unternehmen. Jedoch möchte man als junge Erwachsene nicht unbedingt alles mit Mama und Papa machen. Ich habe so gut wie keine Freunde oder Bekanntschaften in meinem Alter, die mich mal beispielsweise in die Stadt mitnehmen würden. Deshalb bin ich sehr froh, dass ich den ADI in Anspruch nehmen kann. Zudem ist es auch eine kleine Entlastung für meine Eltern, wenn sie sich mal ein paar Stunden nicht um mich kümmern müssen.

Ich benötige den ADI hauptsächlich für die Freizeitgestaltung und für die Erledigung von kleinen Besorgungen. Der Adi begleitet mich beispielsweise zum Einkaufen von Weihnachts-/ oder Geburtstagsgeschenken für meine Eltern. Aber auch z.B. beim Shoppen, Kaffee trinken, ins Kino und Freibad werde ich von einer Assistenz begleitet. Besondere Unternehmung mache ich auch hin und wieder mal mit dem Adi: Diskobesuche, Sommertollwood, Skyline Park bei Nacht und die Übernachtungen bei zwei Assistenzkräften…

Wie ist die Betreuung über den ADI organisiert worden?

Da ich bereits den Fed schon hatte, war das Ganze ein unproblematischer Übergang zum Adi. Sogar die Betreuungspersonen blieben gleich.

Und nun zum Schluss: Was war Ihr bisher schönstes Erlebnis mit dem ADI?

Schwierig zu sagen, ich finde eigentlich alle Unternehmungen mit dem Adi schön und eine willkommene Abwechslung, vor allem, weil ich die Assistenzkräfte schon so lange kenne. Aber besonders gut gefallen haben mir die beiden Diskobesuche und der Besuch von den Sommertollwood.

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Assistenzdienst

Werner A. aus Kaufbeuren | Viel unterwegs

Florian Z., 22 Jahre, wohnhaft in Kaufbeuren, in Ausbildung, ehrenamtlicher Mitarbeiter der Lebenshilfe Ostallgäu, im Interview mit Werner Arth, 57 Jahre alt, arbeitet in der Fertigung der Wertachtal-Werkstätten, Mitglied des Werkstattrates.

Florian: Werner, wie bist du den an den Assistenzdienst der Lebenshilfe gekommen?
Werner: Den Assistenzdienst gibt es ja schon seit zehn Jahren. Ich habe davon in den Wertachtal-Werkstätten erfahren.

Florian: Wofür benötigst du denn den Assistenzdienst?
Werner: Ich bin ein sogenannter Späterblindeter. Ich wohne - gemeinsam mit meiner Mutter - in meinem Elternhaus. Da es meine vertraute Umgebung ist, komme ich dort im Alltag ganz gut klar. Aber sobald es um Aktivitäten außerhalb meines gewohnten Umfelds geht, benötige ich Unterstützung. Daheim benötige ich aber auch ab und an eine Hilfe, z. Bsp. bei der Essenszubereitung.

Florian: Was unternimmst du denn so mit Unterstützung des Assistenzdienstes?
Werner: Ich versuche so aktiv wie möglich zu sein. Ich gehe einmal monatlich zum Kegeln, ich treffe mich auch mit Mitgliedern des Blindenbundes und als Dialysepatient komme ich regelmäßig zum Austausch mit Menschen zusammen, die auch zur Dialyse müssen. Aber ich gehe auch gerne einmal etwas spazieren oder zum Eis essen.

Florian: Wie funktioniert denn konkret die Begleitung durch die ehrenamtlichen Mitarbeiter?
Werner: Da ich auf dem Dorf wohne, bin ich darauf angewiesen, dass mich meine Begleitung abholt und wieder nach Hause bringt. Aber es geht auch um so banale Dinge wie z. Bsp. eine Speisekarte vorzulesen oder mir die Umgebung zu beschreiben.

Florian: Musst du diese Begleitung denn aus der eigenen Tasche bezahlen?
Werner: Das wäre durchaus möglich. Doch in der Regel kann man das über die Pflegekasse abrechnen. Wenn sich jemand für den Assistenzdienst interessiert, gibt es zunächst immer eine Beratung, wo der Bedarf besprochen wird, aber auch die Finanzierungshilfen erläutert werden.

Werner: Aber Florian, jetzt habe ich einmal eine Frage an dich: wie bist du denn eigentlich zum Assistenzdienst gekommen?
Florian: Mein Vater ist hauptamtlich bei der Lebenshilfe Ostallgäu beschäftigt. Er hat mir vom Assistenzdienst erzählt. Ich habe nicht lange überlegen müssen. Ich kann so einen gesellschaftlichen Beitrag leisten.

Werner: Du machst das ja ehrenamtlich, das heißt, du bekommst dafür kein Geld?
Florian: Ja, es ist ehrenamtlich. Ein positiver Nebeneffekt ist allerdings, dass wir als ehrenamtliche Mitarbeiter eine Aufwandsentschädigung erhalten.

Florian: Was hast du denn für die kommenden Wochen so geplant?
Werner: Naja, je nach Corona-Lage, würde ich im Advent wieder gerne einen Weihnachtsmarkt besuchen und mal ins Kino gehen.

Florian: Ins Kino?
Werner: Ja, ich habe gehört, dass immer mehr Kinohäuser Filme mit Audiodeskription anbieten.

Florian: Audiodeskription?
Werner: Audiodeskription ist eine akustische Bildbeschreibung, ein Verfahren, das blinden und sehbehinderten Menschen hilft, visuelle Vorgänge besser wahrnehmen zu können.

Florian: Das klingt interessant. Also planen wir für den Herbst einen Kinobesuch und im Advent hoffentlich einen Weihnachtsmarktbesuch.
Werner: Das würde mich sehr freuen. Aber zunächst hoffen wir doch erst einmal, dass wir gesund bleiben.

Florian: Ja, danke Werner, dies war auch ein gutes Schlusswort.
Werner: Ich danke dir!

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