Inklusion 2.0

18.02.2020 11:59

Inklusion 2.0: Schwäbisch-ukrainischer Fachaustausch auf Augenhöhe
Fachkräfte aus Kizman praktizieren im Ostallgäu

Zwar mit reichlich Verspätung wegen Sturmtief Sabine, aber dennoch sicher landeten Gäste aus der Ukraine im Ostallgäu: Fünf Fachkräfte aus Kizman, einer Kleinstadt in der ukrainischen Nordbukowina, waren auf Einladung des Bezirks Schwaben und der Lebenshilfe Ostallgäu zum Fachaustausch gekommen.

Der Bezirk Schwaben pflegt seit Jahrzehnten eine Regionalpartnerschaft zur ukrainisch-rumänischen Grenzregion Bukowina. „In diesem Rahmen ist es uns sehr wichtig, vor allem in den Themenbereichen der Behindertenhilfe, des Gesundheitswesens und des Umweltschutzes voneinander zu lernen“, betont dazu Bezirkstagspräsident Martin Sailer. Der Geschäftsführer der Lebenshilfe Ostallgäu e.V., Klaus Prestele, ist seit dem Jahr 2017 im Kontakt mit der Einrichtung „Dzvinochok“, die in deutscher Übersetzung „Glöckchen“ heißt. Seit 2018 findet ein reger Austausch auf Ebene der Therapeuten und Therapeutinnen statt, auch besuchte eine Ostallgäuer Delegation bereits die Einrichtung in der Ukraine. Nun konnten die Fachkräfte aus der Ukraine je nach Fachrichtung in verschiedenen Einrichtungen der Lebenshilfe Ostallgäu und der Wertachtal-Werkstätten hospitieren.

Ein neuer Schwerpunkt des Austauschs waren die Gespräche über die strukturellen Hintergründe der Lebenshilfe und weiterer Organisationen. In Kizman gründete sich zu Beginn des Jahres ein Elternverband, der sich in die Arbeit vor Ort, aber auch in den Dialog mit den politischen Entscheidungsträgern einbringen will. Dadurch sollen die Fachkräfte auf dem Weg zu inklusiven Ansätzen in der Behindertenarbeit unterstützt werden. „Nach wie vor sind Menschen mit geistigen sowie körperlichen Behinderungen in der Ukraine in öffentlichen Bereichen schlichtweg nicht präsent. Und auch die Betreuungs- oder gar Arbeitssituation für Menschen über 18 Jahren ist prekär“, schildert Dr. Katharina Haberkorn vom Bezirk Schwaben, Beauftragte für die Partnerschaft zur Bukowina. Das Team von Dzvinochok schaffte es im vergangenen Jahr erstmals, Arbeitsplätze für zwei junge Erwachsene bei einer lokalen Postfiliale zu kreieren, die sie auch mit wenig Aufwand weiterhin betreuen. „Dieses Beispiel macht den Akteuren vor Ort Mut und zeigt Raum für die weitere Entwicklung.“

Wie arbeitet ein gemeinnütziger Verein der Behindertenhilfe? Wie sieht die Elternarbeit konkret aus? Welche rechtlichen Rahmenbedingungen spielen eine Rolle? Ein intensiver Austausch mit Elternbeiräten der Heilpädagogischen Tagesstätte und den Verantwortlichen der Lebenshilfe Ostallgäu konnte hier konstruktive Inhalte liefern. „Um noch einmal deutlich zu machen: In Bukowina wurde ein Schritt gemacht, den wir hier im Ostallgäu in den 60ger Jahren vollzogen haben. Nämlich die Gründung einer Elterninitiative, auf der unsere Lebenshilfe noch heute beruht“, so 1. Vorsitzender Wolfgang Neumayer. Und daraus folge ein jahrelanger Prozess des Auf- und Ausbaus diverser Einrichtungen und Angebote der Eingliederungshilfe, wie die Einbindung von Menschen mit Behinderung in die Gesellschaft in Deutschland genannt wird. Sichtlich berührt zeigten sich die Fachkräfte aus der Ukraine über die Ergebnisse eines solch langjährigen Prozesses. Beispielhaft der Besuch in der Kinderklinik Kaufbeuren beim Team von Harl.e.kin, einem gemeinsamen Angebot der Lebenshilfe und der Klinik für früh- und risikogeborene Kinder und deren Familien. Oder die Teilnahme an einer Bandprobe von Werkton, der inklusiven Band der Wertachtal-Werkstätten Füssen.

„Es ist für uns eine Kooperation auf Augenhöhe. Wir sind tief beeindruckt, mit welcher Herzlichkeit und Offenheit unsere Kolleginnen und Kollegen in der Ukraine arbeiten, mit welchem Mut sie in ihrem Bereich und vor allem in der Öffentlichkeit für Menschen mit Behinderung aktiv sind,“ so Wolfgang Neumayer am Ende des Fachaustauschs. Und dies mit Rahmenbedingungen, die in Deutschland heutzutage unvorstellbar seien.

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