Schutz vor Corona und soziale Teilhabe?

30.03.2021 15:16
Teilhabe statt Ausgrenzung bei der Lebenshilfe Ostallgäu

Fachaustausch „Schutz vor Corona und soziale Teilhabe – Wie kann das gelingen?"

Vor kurzem nahm Ralf Grath, Geschäftsführer de Lebenshilfe Ostallgäu, am Fachaustausch zum Thema "Schutz vor Corona und soziale Teilhabe - wie kann das gelingen?" teil. Die Online-Diskussion wurde durch Regsam (Regionale Netzwerke für Soziale Arbeit München) und die 1. Vorsitzende der Landesarbeitsgemeinschaft Bayern, Gemeinsam Leben - Gemeinsam Lernen e.V., Regina Kastner aus Biessenhofen, initiiert.

Ralf Grath referierte hierbei in den Schwerpunkten Eingliederungs- und Jugendhilfe. Im folgenden haben wir seine wesentlichen Punkte als Interview zusammengefasst:

Was hat sich in Ihrem Arbeitsfeld durch Corona geändert?

Die Pandemie und ihre Folgen betreffen unsere Dienste und Einrichtungen in ganz unterschiedlicher Art und Weise:

1. Stationäres Wohnen: Im ersten Lockdown, also in der ersten Phase, prägte uns sehr stark die Angst, was wohl passiert, wenn das Virus in ein Wohnheim eindringt. Dann sicherlich der Umgang mit den massiven Einschränkungen und der teilweisen Isolation der Bewohner. Dies hat sich bis heute beides stark verändert. Die Ängste sind weniger geworden, die Einschränkungen auch. Einige sind bis heute geblieben und die Bewohner*innen der Heime immer noch eingeschränkter in der sozialen Teilhabe als vor der Pandemie

2. Arbeit und Freizeit: Im ersten Lockdown waren die Werkstätten geschlossen und gleichzeitig wurden die Freizeitangebote auf fast „0“ gefahren. Wir haben in dieser Zeit von den Nutzer*innen der Angebote sehr viele Rückmeldungen bekommen, die stark davon geprägt waren, dass die soziale Isolation und Langeweile ihnen sehr zu schaffen machen. Bei den Angehörigen war die Angst vor einer ernsthaften Erkrankung im Vordergrund. Die Freizeitangebote sind immer noch sehr stark reduziert, das Arbeiten sowohl in der WfbM als auch auf den Außenarbeitsplätzen ist wieder möglich. Leider ist aber auch das nur mit vielen Einschränkungen wieder möglich, insbesondere die Öffnungen nach Außen, bspw. durch Kaffeebetrieb und andere Dienstleistungen in den WfbM können nicht stattfinden.

3. Kindheit und Jugend: In der Kinder- und Jugendhilfe waren die meisten Angebote nur zwei Wochen geschlossen, seitdem wieder mehr oder weniger „Normalbetrieb“. In den Einrichtungen der Eingliederungshilfe sind die Einschränkungen sehr viel weitgehender und dauern länger. Sehr froh sind wir darüber, dass gerade in den therapeutischen Bereichen, insbesondere der Frühförderung, im Großen und Ganzen die Einschränkungen sehr überschaubar sind.

Wo gelingt Teilhabe trotz der Pandemie?

Neben den ganzen Einschränkungen gibt es auch Lichtblicke. Wir haben gerade während des ersten Lockdowns viel Aufmerksamkeit gerade für die Situation der Menschen in den Wohnheimen gespürt, hier gab es auch einige sehr schöne Solidaritätsaktionen. Spannend war auch die Fortführung der Bildungsangebote über andere Formen, also auf Distanz, was überraschend gut funktioniert hat.

Voran gebracht hat diese schwierige Situation auch die Zusammenarbeit zwischen Werkstattrat und Geschäftsführung im Bereich der WfbM. Hier mussten viele Entscheidungen gemeinschaftlich getroffen werden, das hat gut funktioniert.

Glücklicherweise haben sich nach dem ersten Lockdown auch wieder viele Firmen offen für Praktika und Außenarbeitsplätze für von uns unterstützte Menschen gezeigt. Hier hatten wir die Befürchtung, dass dies noch viel schwieriger werden würde.

Interessant sind auch die Erfahrungen, die wir über unseren „digitalen Treffpunkt“ machen konnten. Nach einigen Anlaufschwierigkeiten wurde und wird das Angebot gut angenommen und ist ein ergänzendes Angebot, das u.U. auch über die Pandemie hinaus erhalten bleiben kann.

Das Krisenmanagement braucht viel Aufmerksamkeit. Welche Themen bleiben dabei auf der Strecke und wie gelingt es trotz Corona auch wieder andere Themen in Angriff zu nehmen?

Auf allen Leitungsebenen merken wir, wie viel Zeit Corona direkt und indirekt bindet. Aber auch bei den Mitarbeiter*innen bindet das Thema sehr viel Zeit und Energie. Insgesamt ist es sehr schwer, Zukunftsthemen stringent weiter zu verfolgen. Wir als Lebenshilfe befinden uns seit einigen Jahren in einem Prozess der Veränderung auf allen Ebenen, angestoßen insbesondere durch die Auswirkungen der UN-Konvention: Weg von einer Einrichtungszentriertheit hin zu Sozialraum- und Personzentrierung. Die Anforderungen und Erwartungen durch Corona gehen aber in genau die andere Richtung.

Statt von vollumfänglicher Teilhabe, von einer inklusiven Gesellschaft und von jedem Menschen als Individuum zu sprechen, wird von Menschen mit Behinderung wieder vorrangig als homogene Gruppe, die vor allem zu schützen sei gesprochen. Das ist eine durchaus gefährliche Entwicklung, zumal hier vor allem über diese Menschen anstatt mit ihnen gesprochen wird.

Was ist hier unsere Aufgabe?

  1. In der eigenen Organisation sich die strategische Steuerung nicht durch Corona völlig aus der Hand nehmen zu lassen
  2. Über Öffentlichkeitsarbeit das Thema Teilhabe weiterhin stark zu machen
  3. Gegenüber Politik und Kostenträgern weiterhin für das Ziel von umfänglicher Teilhabe einzustehen und in Verhandlungen zu vertreten

 

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