selbstverständlich selbstbestimmt

17.02.2017 10:28
Sechs Menschen mit Behinderung machen ganz selbstbestimmt einen Ausflug

Die Lebenshilfe Ostallgäu hat sich vorgenommen, im Jahr 2017 die Möglichkeiten der Selbstbestimmung für Menschen mit Behinderung zu verbessern.

Warum gerade dieses Thema? Warum ist das so wichtig? Ist denn Selbstbestimmung bei Menschen mit geistiger Behinderung überhaupt möglich?
Betrachten wir die Sache mal ganz grundsätzlich. Selbst über sein Leben bestimmen zu können, hat sehr
viel mit Lebenszufriedenheit zu tun.
Die meisten Menschen möchten selber entscheiden, wie sie leben: wo sie wohnen, was sie in ihrer Freizeit tun, welcher Arbeit sie nachgehen wollen, was sie kaufen möchten und so weiter. Die Wahrscheinlichkeit, dass wir mit einer Situation oder einer Sache zufrieden sind, ist viel höher, wenn wir die dafür nötigen Entscheidungen selbst treffen konnten. Dasgilt für die Berufswahl genauso wie für ein neues Fahrrad. Wenn aber Andere über uns entscheiden, wenn wir nicht mitreden dürfen, dann fühlen wir uns fremdbestimmt. Dann sind wir unzufrieden und vieles läuft nicht rund.
Nun ist natürlich klar, dass wir nicht über alle Dinge unseres Lebens immer frei entscheiden können. Man braucht immer auch die nötigen Mittel und Möglichkeiten dazu. Ein paar Beispiele:

  • Für eine tolle Wohnung kann man sich nur entscheiden, wenn man auch das Geld dafür hat.
  • Entscheidungen bei der Arbeit kann man nur treffen, wenn der Chef das auch erlaubt.
  • Man kann nicht einfach entscheiden, dass der Leitzins um 3 % angehoben wird.
  • Wenn man entscheiden soll, ob das Knie operiert wird, oder Krankengymnastik ausreicht, braucht man Informationen.

Die Mittel und Möglichkeiten sind entscheidend dafür, inwieweit man selbst über etwas bestimmen kann. Sie stellen den Rahmen dar, in dem man Entscheidungen treffen kann. Dieser Rahmen ist bei jedem anders. Die Bundeskanzlerin hat einen anderen Rahmen als der Oberbürgermeister. Der Entscheidungsrahmen des Fußballtrainers sieht anders aus als der seines Torwarts.

Selbstbestimmung bedeutet also nicht, dass man immer über alles frei entscheiden kann. Sondern es bedeutet, dass man innerhalb seines Rahmens die Möglichkeit hat, selbst entscheiden zu können.

Jeder Rahmen ist veränderbar. Er kann im Laufe des Lebens größer oder kleiner werden, er kann sich verschieben und ganz neue Aspekte mit einbeziehen, dafür aber andere Möglichkeiten verlieren.
Es ist ein zentraler Bestandteil von Selbstbestimmung, dass man auf den Entscheidungsrahmen Einfluss nehmen kann!
Das Streben nach Ausweitung seines Entscheidungsrahmens macht aber nicht automatisch glücklicher. Man kann sich dabei auch übernehmen. Selbstbestimmung ist also eine vielschichigte Angelegenheit.
Von folgendem Zusammenhang können wir aber sicher ausgehen: Wer mehr Möglichkeiten zur Selbstbestimmung hat, ist motivierter, Dinge selbst in die Hand zu nehmen. Das führt dazu, dass seine Fähigkeiten und Kompetenzen größerwerden. Das wiederum führt zu neuer Motivation, neuen Fähigkeiten und wieder zur Ausweitung des Entscheidungsrahmens. Wer diese Abfolge nicht überspannt, hat eine hohe Chance auf ein zufriedenes Leben. Schon für Kinder ist dieser Zusammenhang sehr bedeutungsvoll, denn er ist eine wichtige Grundlage von Erziehung und Entwicklung.
Übertragen wir das Ganze mal auf Menschen mit Behinderung: Ihr Rahmen ist in der Regel durch die Beeinträchtigung verkleinert: Der Rollstuhlfahrer kann sich nicht für eine Bahnfahrt entscheiden, wenn es keine Möglichkeit für ihn gibt, in den Zug zu kommen. Der Mensch mit einer geistigen Behinderung tut sich schwer, die Entscheidung für oder gegen eine Behandlung zu treffen, wenn er die Komplexität nicht erfassen kann.

Fast alle Menschen haben einen Entscheidungsrahmen, und sei er auch noch so klein. Selbst der schwerstbehinderte Mensch kann auf irgendeine Weise zeigen, ob ihmetwas guttut oder nicht.

Menschen mit Behinderung sind häufig auf Assistenten angewiesen, die ihnen beim Treffen oder bei der Ausführung
einer Entscheidung helfen.
Und damit kommen wir zu einem entscheidenden Knackpunkt: Die Art und Weise, wie eine derartige Assistenz ausgeführt wird, kann sehr unterschiedlich sein. Bleiben wir beim Rollstuhlfahrer: Der Helfer kann ihn samt seinem Rollstuhl einfach irgendwo in den Zug hieven, damit es schnell geht. Er könnte aber auch vorher fragen, wo er sitzen möchte, ob er mit Unterstützung vielleicht noch einige Schritte selber gehen kann oder ob er am Kiosk etwas einkaufen möchte.
Das Treffen eigener Entscheidungen kann und soll dann zugelassen und gefördert und die Ausführung unterstützt werden. Diese Form der Hilfe benötigt mehr Respekt, mehr Mühe und mehr Zeit. Aber nur so kann Selbstbestimmung stattfinden. Nur dann kann der Rollstuhlfahrer seine Zugfahrt so durchführen, wie er es gerne möchte. Sonst nimmt der Helfende ihm eine Chance auf Zufriedenheit und die Erweiterung seiner Möglichkeiten. Nicht nur einzelne Menschen, auch Zusammenschlüsse von Menschen haben einen Entscheidungsrahmen: Vereine,
Träger, Kommunen, Staaten…
Also auch wir als Lebenshilfe. Wir können nicht darüber entscheiden, dass es keine Ausgrenzung von Menschen mit Behinderung mehr gibt. Das gibt unser Rahmen nicht her. Aber wir können uns dafür entscheiden, dass die Art, wie in unseren Einrichtungen Assistenz durchgeführt wird, möglichst viel Selbstbestimmung ermöglicht. Wir können die dazu benötigten Hilfsangebote bereithalten und dafürsorgen, dass Selbstbestimmung geübt werden kann (schon bei Kindern).
Genau diese Entscheidung hat die Lebenshilfe Ostallgäu getroffen. Deshalb das Themenjahr zur Selbstbestimmung. Wir möchten erreichen, dass Menschen mit Behinderung ihr Leben so ausgestalten können, dass sie zufrieden sind. Sie sollen so am Leben teilhaben können, wie sie es möchtenund die dafür nötigen Entscheidungen selber treffen können.- Soweit das ihr Rahmen hergibt.

Dazu müssen die Assistenten ihre Hilfe auf die oben beschriebene Weise durchführen:

  • Genau hinschauen, um den Rahmen, die Möglichkeiten (die „Ressourcen“) eines Menschen wirklich kennen zu lernen.
  • Dabei unterstützen, dass die Möglichkeiten, die im Rahmen liegen, auch ausgeschöpft werden.
  • Vor der Ausführung einer Hilfe prüfen, ob sie wirklich nötig ist, oder ob jemand das noch selber kann.
  • Möglichkeiten schaffen, dass Entscheidungen ausprobiert werden. Nur so können neue Erfahrungen entstehen.
  • Zulassen, dass auch mal schwierige oder falsche Entscheidungen getroffen werden (natürlich nur, solange keine Selbst- oder Fremdgefährdung entsteht). Wie sonst soll man Neues lernen und seinen Rahmen erweitern?
  • Schon bei Kindern damit anfangen, damit das Treffen von Entscheidungen und die Übernahme von Verantwortung bereits früh gelernt wird. Daskönnte auch ein wichtiger Baustein für die Erziehung im Elternhaus sein.

Selbstbestimmung ernsthaft zu unterstützen bedeutet für alle einen Lernprozess. Die Menschen mit Behinderung müssen sich vielleicht mehr anstrengen. Die Assistenten und Betreuer werden sicher neue Techniken der Unterstützung einsetzen müssen. Bei Eltern und Angehörigen geht es unter Umständen darum, zu lernen loszulassen und ihren Kindern eigene Entscheidungen zuzutrauen.
Es wird ein langer Prozess, aber am Ende steht für alle die Chance auf mehr Zufriedenheit.

Wofgang Neumayer

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